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„Wir sind ein über 100 Jahre altes Start-up“

loading="lazy" width="400px">Wolfgang Wendt, Geschäftsführer IBM DACH, arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei Big Blue. IBM



Wolfgang Wendt leitet seit knapp zwei Jahren die Geschäfte von IBM in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Insgesamt ist er seit mehr als drei Jahrzehnten bei IBM in unterschiedlichsten Funktionen aktiv, von kundenorientierten Rollen als Client Director bis hin zur Verantwortung für Mainframes und andere Hardware-Segmente. Im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE blickt er zurück – und nach vorne.



IBM ist über hundert Jahre alt, Sie selbst sind seit rund 30 Jahren an Bord. Wie würden Sie – kurz umrissen – die Entwicklung des Unternehmens in den vergangenen Jahren beschreiben?



Wendt: Wir sind inzwischen 114 Jahre alt, in Deutschland sogar knapp 115. Ich bezeichne IBM gerne als ein ‚älteres Start-up‘, weil IBM im Laufe der Jahrzehnte viele Transformationen durchlaufen hat. Anfangs war alles stark von der Infrastruktur geprägt, Stichwort Mainframe. Später kam der PC-Boom, eine verteilte Welt, die wir entscheidend mitgestaltet haben.



Dann folgte eine Phase, in der wir uns stärker in den Servicebereich orientierten – Rechenzentrumsbetrieb, Outsourcing und Managed Services. Mit Beginn der Cloud-Ära haben wir den Fokus wieder stärker auf Technologie gelegt, insbesondere auf Software, aber auch auf Hardware. Und vor rund fünf Jahren haben wir uns strategisch klar auf zwei Schwerpunkte fokussiert: Hybrid Cloud und Künstliche Intelligenz (KI).



“Wir setzen seit über 30 Jahren auf KI”



Mit KI beschäftigt sich die IBM ja schon deutlich länger…



Wendt: Ja, wir setzen schon seit über 30 Jahren auf KI. IBM war früh dabei, denken Sie an den Schachcomputer „Deep Blue“ oder später Watson, bekannt durch den Auftritt bei Jeopardy!. Mit dem Aufkommen von ChatGPT vor wenigen Jahren hat das Thema eine enorme Popularität erfahren. Heute geht es darum, KI sowohl in großen Digitalisierungsprojekten als auch in branchenspezifischen Anwendungen sinnvoll einzusetzen.



Profitieren Sie davon, dass sich IBM schon lange mit dem Thema KI beschäftigt?



Wendt: Ich denke ja – wir haben hier einen großen Vorsprung, nicht zuletzt durch die Offenheit unserer Modelle. Wir haben unsere eigenen Granite-Modelle, Kunden können aber auch Modelle aus dem Open-Source-Umfeld oder von Anbietern wie Meta einsetzen.



Die Modelle laufen On-Premises, also unabhängig von Hyperscalern und damit losgelöst vom Internet. So können Unternehmen die eigenen Daten einlernen, ohne dass ein Datenabfluss stattfindet. Das ist aus meiner Sicht einer der zentralen Unterscheidungsmerkmale.



Zudem verfolgen wir das Prinzip ‚Trained is better‘ – ganz im Sinne dessen, was DeepSeek vor einem halben Jahr gezeigt hat. Wir unterstützen ausdrücklich die Idee, kundenspezifische Modelle zu entwickeln, also Large Language Models einzulernen, sie ‚einzudampfen‘ und mit den wirklich relevanten Daten anzureichern.



Dabei spielt auch die Einbeziehung eigener Unternehmensdaten eine große Rolle, um diese weiterzuentwickeln und nutzbar zu machen – das ist eine unserer großen Stärken.



Ein weiterer Vorteil liegt in unserem Modul „watsonx.governance“. Es sorgt für die Nachvollziehbarkeit bei KI-Auswertungen: Woher stammen die Daten? Wie werden Entscheidungen getroffen? Wer darf darauf zugreifen? Und wie zuverlässig („reliable“) sind sie? Auch hier unterscheiden wir uns deutlich von vielen Wettbewerbern.



Unsere Kunden nutzen das Modul watsonx.ai zudem, um ein oder mehrere KI-Modelle anderer Hersteller zu integrieren. Wir arbeiten auch mit namhaften Partnern zusammen – etwa SAP, die in ihrem „Joule“-Assistenten auf unsere watsonx-Technologie setzen.



Darüber hinaus bieten wir eine weitere starke Lösung: die intelligente Orchestrierung über Agenten. Diese Agenten können wir automatisiert innerhalb von fünf Minuten generieren. Noch wichtiger aber ist die intelligente Orchestrierung dieser Agenten: Sie ermöglicht es unseren Kunden, über diese Agenten auch andere Anbieter wie Google, AWS oder Standardanwendungen wie Salesforce einzubinden und KI damit gezielt nutzbar zu machen.



IBM als Client Zero



IBM galt früher fast als Synonym für Verlässlichkeit. Das geflügelte Wort „Mit IBM wird man nicht gefeuert“ war sprichwörtlich. Gilt das noch?



Wendt: Verlässlichkeit und Qualität sind nach wie vor zentrale Werte bei IBM. Viele unserer großen Kunden begleiten wir seit Jahrzehnten – das ist fest in unserer DNA verankert. Gleichzeitig haben wir uns stetig weiterentwickelt.



Was mir dabei wichtig ist: Wir wollen unseren Kunden bewährte Technologien bereitstellen. Die Zeit ist schnelllebig, ständig entstehen neue Produkte, die zunächst erprobt werden müssen.



Hier verfolgen wir einen sehr ausgewogenen Ansatz – wir nennen das ‚Client Zero‘. Dabei testen und nutzen wir die Technologien, die wir verkaufen, etwa Automatisierung und Künstliche Intelligenz, zunächst im eigenen Unternehmen. Der Fokus liegt dabei klar auf Prozess- und Kostenoptimierung.



Als wir 2022 mit Client Zero starteten, hatten wir uns Einsparungen in Höhe von zwei Milliarden Dollar vorgenommen. Nach zwei Jahren können wir sagen: wir haben das Soll mit über drei Milliarden Dollar Einsparungen sogar übererfüllt.



Wir wollen weiterhin ein verlässlicher Technologiepartner bleiben – auch in der Beratung – und das, wie bereits erwähnt, gemeinsam mit unseren Ecosystem-Partnern. Dazu gehören die Hyperscaler ebenso wie etablierte Systemintegratoren.



Auch hier gilt für uns: Weniger ist mehr. Früher haben wir im großen Stil Outsourcing betrieben und komplette Rechenzentren geführt. Das ist heute nicht mehr unser Kerngeschäft – diesen Bereich haben wir vor rund fünf Jahren mit der Ausgründung von Kyndryl abgespalten. Heute konzentrieren wir uns konsequent auf Technologie, Software und die Weiterentwicklung unserer Hardware-Strategie – insbesondere im Bereich Mainframes und Storage.



Welche Rolle spielt der Standort Deutschland für IBM? Wieviel Entwicklung wird hier betrieben?



Wendt: In Deutschland blicken wir auf eine über 60-jährige Entwicklungstradition zurück. Besonders hervorheben möchte ich unser IBM-Labor in Böblingen bei Stuttgart. Es entstand in den 1950er-Jahren und ist bis heute ein zentraler Standort mit über 1.200 Entwicklern – im Laborverbund mit unseren Einrichtungen in den USA und anderen Standorten weltweit.



Dort betreiben wir seit Jahrzehnten sowohl Hardware- als auch Softwareentwicklung. So wurden und werden Teile des Mainframe-System IBM System Z – einer Schlüsseltechnologie – in Böblingen entwickelt.



Auch im Bereich Künstliche Intelligenz spielt der Standort eine wichtige Rolle: Für unsere Plattform watsonx entstehen in Böblingen Funktionen rund um das Data Gathering, also den Aufbau eines Data Lakehouses.



Darüber hinaus haben wir im Oktober vergangenen Jahres in Ehingen ein Quantum-Rechenzentrum eröffnet.



Wir sind sehr stolz darauf, auf diese jahrzehntelange Tradition aufbauen zu können und dass in Deutschland nach wie vor Technologie und Innovation entstehen. Gerade im Zusammenhang mit Diskussionen über digitale Souveränität kommt das bei Behörden sehr gut an. Auch die Landesregierung ist stolz, dass wir hier im „Ländle“ vertreten sind – und das hat letztlich auch deutschlandweit eine große Bedeutung.


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Mainframe mit KI-Integration



Mit KI erlebt ja der Mainframe angeblich ein Revival. Inwiefern merken Sie das in Ihrem Geschäft?



Wendt: Der Mainframe erlebt – glücklicherweise – mit fast jeder Generation ein Revival. Inzwischen sind wir mit der z17 bei der 17. Generation angelangt.



Der große Vorteil des Mainframes liegt darin, dass sensible Daten in einem geschützten System verbleiben. Viele unserer Kunden – insbesondere Banken, aber auch andere transaktionsorientierte Unternehmen – betreiben auf diesen Systemen geschäftskritische Anwendungen: Kernbankensysteme, Transaktionsplattformen, Kreditkartenverarbeitung und Ähnliches.



Gerade hier ist es entscheidend, dass wir Künstliche Intelligenz direkt in diese Systeme integrieren, anstatt sie als vorgeschaltetes Modul auf einem separaten Rechner oder einer GPU laufen zu lassen. Das würde den integren Charakter des Mainframes untergraben.



Genau hier setzen unsere Innovationen an: Wir haben KI – konkret das sogenannte Runtime-Modul – direkt in den Telum-Prozessor integriert. Ein einfaches Beispiel: Wenn Sie an der Kasse mit Ihrer Kreditkarte bezahlen, erwarten Sie, dass die Transaktion sicher und innerhalb von Sekunden abgeschlossen ist.



Dabei unterstützt KI in Echtzeit – etwa bei der Betrugserkennung, bei Cybersecurity-Prüfungen oder bei der Authentifizierung von Kreditkarten. Diese Prüfungen müssen in Millisekunden erfolgen. Wenn KI dafür sorgen würde, dass eine Transaktion statt drei Sekunden plötzlich eine Minute dauert, wäre sie kontraproduktiv. Deshalb muss die Auswertung prozessornah, also direkt auf dem Chip, stattfinden – in Echtzeit.



Ich sage immer: Wenn KI keinen Einzug in unsere Großrechnersysteme findet, dann machen wir etwas falsch.



KI – und speziell generative KI – verspricht ja auch, Tätigkeiten von Mitarbeitenden zu übernehmen, wodurch Stellen wegfallen können. Das wird in den USA stark propagiert, auch vom IBM-CEO. Wie ist Ihre Position als Deutschlandchef und Leiter des Bereichs Technology dazu?



Wendt: Wir stellen weiterhin ganz bewusst, überlegt und konzentriert ein – und nehmen gleichzeitig dort Veränderungen vor, wo es sinnvoll ist. Das ist ein normaler Prozess, teilweise KI-getrieben, teilweise unabhängig davon.



Zugleich schaffen wir auch viele neue, KI-orientierte Rollen. Natürlich gibt es auch Effizienzgewinne. In unserem Client-Zero-Projekt ging es zum Beispiel darum, Einkaufs- und HR-Prozesse zu optimieren. Das kann bedeuten, dass Aufgaben neu verteilt oder Stellen angepasst werden.



Als Geschäftsführer von IBM Deutschland werde ich auch künftig punktuell Umstrukturierungen vornehmen. Aber unser vorrangiges Ziel ist es, unsere Mitarbeiter umfassend im Bereich KI zu schulen, damit sie technologisch wie beratend an vorderster Front stehen.



Wir verstehen KI nicht als Ersatz für Menschen, sondern als Unterstützung. Unser Ziel ist es nicht, Arbeitsplätze abzubauen, sondern Mitarbeiter produktiver, präziser und wirkungsvoller zu machen – mit besserem Output und geringerer Fehlerquote. Das ist der Ansatz, den wir bei IBM in Deutschland verfolgen.



Trotz Kostendruck innovativ und kreativ bleiben



Derzeit schwächeln verschiedene Industriebereiche in Deutschland, besonders die Automobilindustrie. Wie wirkt sich das auf das Geschäft von IBM aus?



Wendt: Als IBM in Deutschland fühlen wir uns natürlich der deutschen Wirtschaft verpflichtet und sind Teil davon. Was derzeit in der Automobilindustrie passiert, ist eine tiefgreifende Transformation, die wir aktiv begleiten und unterstützen.



Natürlich sehen wir, dass manche Beratungsprojekte derzeit etwas zurückgehen – schlicht, weil viele Automobilhersteller Sparprogramme umsetzen. Gleichzeitig arbeiten wir aber sehr intensiv mit den großen Playern der Branche zusammen – technologisch wie beratend –, um diese Phase produktiv zu gestalten. Denn trotz Kostendruck gilt: Ein Unternehmen muss innovativ und kreativ bleiben, um wettbewerbsfähig zu bleiben.



Hier spielt Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle: Wo kann KI gezielt eingesetzt werden, um Effizienz und Wettbewerbsvorteile zu schaffen? Und wo lassen sich durch den Einsatz moderner Software-Tools zusätzliche Einsparungen erzielen – sowohl in der Infrastruktur als auch im Betrieb?



Wir bieten hier sehr wirkungsvolle Lösungen wie Turbonomic, Instana oder Apptio an, mit denen Unternehmen – auch in der Automobilindustrie – ihre IT-Kosten deutlich senken können, bei gleichbleibender Leistung und Qualität.



Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es entscheidend, Schulter an Schulter zu stehen und gemeinsam Wege zu finden, die Zukunft zu gestalten. Die Automobilindustrie ist und bleibt der Motor des Standorts Deutschland – und wir sehen es als unsere Aufgabe, sie auch dabei zu unterstützen.



Haben Sie die Befürchtung, dass Deutschland technologisch zurückfällt – gerade durch diesen wirtschaftlichen Dämpfer? Oder sehen Sie das Land weiterhin auf einem guten Weg?



Wendt: Ich sehe Deutschland wieder auf einem guten Weg. Auch wenn wir derzeit eine Delle spüren, glaube ich, dass die Politik – insbesondere die aktuelle Bundesregierung – vieles richtig macht, indem sie stark in Infrastruktur investiert.



Infrastruktur bedeutet heute weit mehr als nur Straßen und Netze, sondern auch Innovationsförderung – und da passiert viel. Wir als IBM beteiligen uns aktiv daran, etwa in Kooperationen mit Universitäten und Fraunhofer-Instituten, insbesondere in der Quantenforschung. So halten und fördern wir Wissen und technologischen Fortschritt am Standort Deutschland.



Natürlich wissen wir, dass manche Technologien – was ihre Ursprünge betrifft – in den USA entstehen. Aber mit dem IBM-Standort Deutschland bringen wir Innovation und Technologie ins Land, die hier genutzt und weiterentwickelt werden.



Zudem sind wir große Befürworter von Open-Source-Komponenten – das hilft dem Standort enorm, weil es Offenheit und Anpassungsfähigkeit ermöglicht. Ein Beispiel ist Red Hat, eine unserer Tochterorganisationen, die weltweit entwickelte Open-Source-Komponenten produktionsreif und sicher nutzbar macht.



Ich glaube, all das stärkt den Standort Deutschland. Und was die Ingenieurskunst und das Know-how angeht – das sehe ich hierzulande weiterhin sehr stark. Ich bin da optimistisch: Mit gemeinsamen Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Forschung sind wir auf dem richtigen Weg. Auch der Bitkom, mit dem wir eng zusammenarbeiten, bringt das gut auf den Punkt und hat bereits vieles bewirkt.



Echte Souveränität beginnt erst beim Thema Air Gap



Auf das Thema „Digitale Souveränität“ sind Sie ja schon etwas eingegangen. Merken Sie bei Kunden, dass dieses Thema jetzt stärker in den Anforderungen steht, beispielsweise in Form von On-Premises-Lösungen?



Wendt: Ja – und nein. Ich sehe klar, dass die Nachfrage zunimmt – insbesondere durch die geopolitische Lage und die politischen Diskussionen weltweit. Viele Unternehmen, aber auch Behörden wollen ihre Datenhoheit zurückgewinnen, also ihre eigenen Daten verwalten, die Verantwortung und Kontrolle behalten. Der Ruf danach ist deutlich lauter geworden.



Gleichzeitig gibt es im Markt viele Marketing-Parolen. Zahlreiche Hersteller behaupten inzwischen, jede Hardware von ihnen sei jetzt KI-fähig, jedes Produkt souverän. Das stimmt natürlich nicht. Echte Souveränität beginnt erst beim Thema Air Gap. Der Begriff „Digitale Souveränität“ ist inzwischen etwas abgenutzt. Ich spreche lieber von technologischer Autonomie.



Denn echte Souveränität bedeutet: Systeme müssen On-Premises betrieben werden können, komplett getrennt vom Internet und externen Einfluss, und dabei offen, transparent und vertrauenswürdig bleiben.



Das sind Werte, auf die wir bei IBM großen Wert legen. Wir müssen aufpassen, dass der Begriff „souveräne Lösung“ nicht bloß zum reinen Etikett verkommt. Es geht um Substanz und Verantwortung, nicht um Schlagworte.



Ein gutes Beispiel sind unsere Air-Gap-Lösungen, etwa für Kunden im Sicherheitsumfeld: Systeme, die garantiert vom Internet abgekoppelt sind – und dennoch KI-fähig und modern. Das ist echte technologische Autonomie.



Und ja, die Nachfrage nach solchen Lösungen steigt – sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Entscheidend ist jetzt, dass auch wirklich verantwortungsvolle und belastbare Lösungen angeboten werden – und daran arbeiten wir intensiv.